Das Grundrecht auf Stille – Sarah van Sonsbeeck

Eine bemerkenswerte junge Künstlerin ist derzeit zu Gast in Mönchengladbach. Die Amsterdamer Künstlerin Sarah van Sonsbeeck ist die 20. Atelierstipendiatin der Stadt und zu den schönsten Aufgaben „meines“ Kulturbüros zählt die Betreuung dieses Stipendiums.
Heute, nach knapp sechs Monaten Aufenthalt, wurde Sarahs Ausstellung „Things to do in Mönchengladbach“ mitsamt Künstlerbuch im Museum Abteiberg präsentiert. Stille ist ihr Thema: die Abwesenheit von Stille und die Erzeugung von Stille.
Die Urszene für sie war dabei die akustische Begegnung mit ihren Nachbarn in Amsterdam. Die waren nämlich alles andere als still. Irgendwann analysierte Sarah van Sonsbeeck, wo überall der Lärm ihr Appartement besetzte, und sie musste erkennen: 80 % ihres scheinbar privaten Raums gehörten ihr gar nicht. Also schrieb sie einen Brief, in dem sie ihre Nachbarn bat, künftig auch 80 % ihrer Miete zu bezahlen. Erstaunlicherweise ignorierten die ihre freundliche Aufforderung.
Wohl die bisher sowohl ästhetisch schönste, als auch konzeptionell beeindruckendste Arbeit Sarahs heißt „One cubic meter of broken silence„:

An einem der stillsten Orte der Niederlande, in Almere bei Amsterdam, stellte sie diesen Kubus auf, dessen Glaswände exakt 40 Dezibel abdämmten – was der Lautstärke der Insekten in der Umgebung entsprach. Nachts zerstörten irgendwelche Terrortypen den Kubus mit einem Backstein – ein Trauerspiel und ein großartiges Geschenk des Zufalls. Denn erst jetzt war die Arbeit perfekt (es brauchte allerdings eine kleine Zeit, bis Sarah das nach der Enttäuschung über den vandalistischen Akt erkennen konnte). Erst dadurch, dass der Akt der Zerstörung der Stille im Material aufgehoben bleibt, wird die plötzliche, fast schockartige Wiederkehr der Stille nach dem Lärm dauerhaft für den Betrachter erfahrbar.
Ebenfalls eine schöne Arbeit, die in Mönchengladbach entstand, ist das „Faraday tent“ – ein Zelt aus strahlungsabweisendem Material, das nun auf einer Rasenfläche vor dem Museum Abteiberg aufgestellt ist. „Wir haben ein Grundrecht auf Stille“, erklärt Sarah und wer dieses Zelt betritt, dem wird Datenstille gewährt. Das Handy hat keinen Empfang mehr und auch vom Internet ist man natürlich abgeschnitten. Kann man auch einfacher haben, indem man abschaltet? Klar! Und doch zischen weiter die Funkstrahlen um einen herum und der Anspruch jederzeit überall sofort erreichbar zu sein, quengelt im Kopf: Log dich ein! Log dich ein! Log dich endlich wieder ein! Am liebsten hätte Sarah van Sonsbeeck, dass man das Zelt künftig im Baumarkt kaufen kann. Things happen, you know. Robert Patati, der ehemalige Restaurator des Museums Abteiberg und eine der beiden Hauptfiguren unserer Romane (man sollte es vermutlich umgekehrt sagen, aber er ist einfach so quicklebendig) hätte jedenfalls seinen Spaß daran.
Ich bin sicher, wir werden noch viel von Sarah van Sonsbeeck – nein, nicht: hören – sondern sehen. Ab August arbeitet sie in Istanbul – von ihrem ganz still gelegenen Atelier in Mönchengladbach geht es also mitten hinein in eine ohrenbetäubend tumultuarische Metropole. Ich freue mich schon jetzt auf die Arbeiten, die sie von dort mitbringen wird.

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2 Gedanken zu „Das Grundrecht auf Stille – Sarah van Sonsbeeck

  1. Der Kubus sieht nun tatsächlich beeindruckend, eigentlich beängstigend aus. Sogar über das Foto spüre ich die Beklemmung, die Zerstörungswut in mir auslöst.
    Beim Thema Stille bin ich heilfroh, dass ich da wenig empfindlich bin. Ich lebe in einer Einkaufsstraße mitten in der Stadt und … ich mags! Ich mag den Trubel, das Leben, den Puls der Stadt. Und die Stille, die hab ich trotzdem – in mir drin. Wenn ich sie brauch, schalte ich die Umwelt aus.

  2. Das Foto betrachtend, kann ich Dein Gefühl nachvollziehen. Wenn man in real life davor steht, wirkt der Kubus aber einfach nur noch: schön. Das Licht bricht sich in den Splittern und Sprüngen des Glases und man denkt gar nicht mehr an die Zerstörer. Was dann noch irritiert ist diese unglaubliche Stille nach dem Knall, obwohl man den Knall ja gar nicht mitbekommen hat.
    „Puls der Stadt“ ist ansonsten übrigens auch mehr meins.

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