Der Soundtrack zum Leben

Vor einigen Jahren besuchte ich den Vortrag eines Sounddesigners, der am Beispiel von Tom Tykwers „Der Krieger und die Kaiserin“ die Bedeutung des Sounds für die Dramatik einer Unfall-Szene vermittelte. Er zeigte die Szene zunächst tonlos und fügte dann Soundebene um Soundebene hinzu. Straßengeräusche, das Gebrüll eines Lastwagens, das Rattern der Schwebebahn, Stimmen und und und. Es war außerordentlich eindrucksvoll mizuerleben, wie ein Element, das vom Betrachter oft nur unbewusst rezipiert wird, die Wahrnehmung des Ganzen extrem beeinflusst.

Musik kommt in diesem Zusammenhang natürlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Im Film wie im echten Leben. Das weiß jeder, der wenigstens einmal mit der passenden Musik auf einen offenen Horizont zugefahren ist: „Fahr weiter! Vergiss diese Autobahnabfahrt! Irgendwo da hinten liegt das Meer!“ Bei einer sehr unglücklichen Musikauswahl muss hier allerdings „liegt das Meer“ durch „steht der Brücken-pfeiler“ ersetzt werden.

Musik als Soundtrack zum Leben ist eine sehr interessante und komplizierte Angelegenheit. Falsch eingesetzt, kann sie eine Menge kaputt machen. Man stelle sich vor: Ein sensationell romantischer Abend, der erste Kuss – und im selben Moment setzen die Streicher eines Orchesters ein und Charlie Parker intoniert auf dem Saxophon höchstsanft „Stella by Starlight“. „AUS AUS AUS!“, hört man da den großen Regisseur Schicksal durch das Megafon brüllen. Ganz, ganz unerträglicher Kitsch! Der erste Kuss wäre dann leider wohl auch schon der letzte.

Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Momente, in denen sich Musik im Hintergrund in einen so perfekten Soundtrack verwandelt, dass sie das Erlebnis überhaupt erst vollendet. Am wirkungsvollsten scheint sie mir aber in jenen Augenblicken zu sein, in denen eigentlich (fast) nichts geschieht.

Zum Beispiel, wenn man unterwegs ist. Tagträume im Transitraum: Heldenphantasien, einsames Wolfsgeheul, die blutrünstige Ausmalung kriegerischer Abrechnungs- und Aufräumszenarien, die Vorstellung, viel zu lange zurückgehaltene Liebeserklärungen endlich hervorzustammeln, oder nüchtern und endgültig das totale Scheitern der eigenen Existenz zu erklären oder den Moment des absoluten Gelingens in einem triumphal genießenden Einfach-nur-so-still-Dastehen zu feiern. Dann gebiert die passende Musik ein Feuerwerk von Bildern, Sätzen und Szenarien. Inspiration pur.

So ist das wohl auch für Robert Patati, den Kunstrestaurator und Privatermittler, von dem nur schnöde Realorealisten behaupten würden, ich hätte ihn vor sechs Jahren erfunden. (Aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich hier auch noch einmal schreiben werde.)

Musik ist für Patati jedenfalls absolutes Lebensmittel. Und darum gibt es zu jedem unserer bisherigen Patati&Spijker-Romane auch einen imaginären Soundtrack.

Ein Kritiker hat sich einmal – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand – darüber beschwert, dass der Autor mit der Erwähnung von Musiktiteln und Bandnamen ja nur mit seinem Spezialwissen angeben wollte. Lustigerweise war es ein studierter Musikwissenschaftler, der die ganze E-Musik rauf- und runterzubeten wusste, aber leider, leider von dieser schlümmen U-Musik nicht einmal den großen Mainstream kannte. Diagnose: beleidigte Berufsehre.

Hätte er die einmal beseite geschoben, hätte er unsere Bücher als Einladung wahrnehmen können. Als Einladung, Musik wieder abzuspielen, die man mal gehört hat, als Einladung, neue Musik zu entdecken, als Einladung, die Szenen unserer Geschichten mit einem Soundtrack zu unterlegen, der sie noch sinnlicher erfahrbar macht.

Von einigen Leserinnen und Lesern haben wir schon gehört, dass sie es genau so machen. In den kommenden Wochen werde ich darum hier die Soundtracks von „Nach allen Regeln der Kunst“ und „Das Lügenarchiv“ veröffentlichen. Und im März 2012 wird dann pünktlich zur Veröffentlichung des Romans auch der Soundtrack zu unserem vorläufig letzten „Patati&Spijker“ folgen.

Viel Spaß beim Nachhören!

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10 Gedanken zu „Der Soundtrack zum Leben

  1. Stimmt genau – die falsche Musik macht jeden Film kaputt, auch im Kopfkino beim Lesen.

    Schlimm ist die weitverbreitete Form der Trivialsymbolik. Grad vorher hab ich ein Musterbeispiel im ZDF bei Terra X gesehen. Unter der Entdeckungsreise von Columbus … Hans Albers !!!

    Und am Mittag ein superpositives Beispiel im Kino: „Cheyenne“ mit Sean Penn – und grandiose Filmusik von David Byrne. TollTollToll !

    Ach ja – auf die Patati-Charts bin ich total gespannt…

    • Besonders grausam ist – da wird Herr Magister Kraska sicher sofort zustimmen – wieder einmal Guido Knopp mit seinem Hitlers…-Redaktionskommando. Düstere Klangakkorde in dräuendem Crescendo beim Schwenk über Leichenberge. Man kann gar nicht so viel essen…

      Ich hoffe, bei Terra X haben sie Columbus dann wenigstens auch gleich von Dirk Bach darstellen lassen…

      Mensch, Du hast schon „Cheyenne“ gesehen. Ich will ihn unbedingt im Original sehen, der Synchronsprecher gibt sein bestes, aber er klingt einfach permanent nach Post-Schlaganfall, während Penn leicht gebrochen und geradezu zärtlich spricht. Allerdings – ohne Untertitel? – Ich fürchte ich muss auf die DVD warten.

  2. HAPE Kerkeling !!!

    Die Synchronstimme ist desaströs, schmälert das Vergnügen deutlich. Aber Penn (göttlich), die Kamera (unglaublich) und die Musik (unverkennbar) entschädigen dafür.

  3. Hab „Cheyenne“ auch gesehen – Klasse! Unvergeßliche Bilder. Aber wer hat bloß Sean Penn synchronisiert? Falsche Stimmen sind noch schlimmer als falsche Musik.

    • Es wird wohl Tobias Meister gewesen sein, der ihn seit vielen Jahren eigentlich ziemlich gut synchronisiert. Aber diesmal hat er wohl einfach in Penn seinen Meister gefunden. Ich hab mir jetzt einen OmU-Termin rausgesucht.

  4. Den Vortrag des Sounddesigners hätte ich gerne gesehen. Den Effekt, den Musik einem Bild geben kann, finde ich jedes Mal aufs Neue verblüffend, wenn ich meine selten sinnlosen Kurzfilmchen auf Youtube mit Soundtracks untermale und mich durch zig Tracks durchhöre, bevor ich mich entscheide. Dabei können Stunden vergehen …

    • Danke für den Link. Davon wusste ich noch gar nichts. Also dann habe ich in den Weihnachtsferien etwas zum Stöbern (und zum Überbrücken bis zu einem neuen der im Augenblick viel zu seltenen joulupukki-Blogeinträge).

  5. Letztens sah ich zusammen mit meiner Tante des Sonntagsabends auf einem der großen öffentlich-rechtlichen Sendern die Schmonzette zum Wochenendausklang. Wir hatten die Untertitel für Gehörlose angeschaltet, weil meine Tante meinte, dass das eigentlich witzig ist, weil da teilweise sehr unsinnige Sachen stünden, beispielsweise zur Beschreibung der Musik. Und tatsächlich erschien „traurige Musik“ oder „aufregende Musik“, auch mal „fröhlich stimmende Musik“. Irgendwie hörte sich alles gleich an.. Fahrstuhlmusik…. gruselig… Wir hatten aber Spaß und Rotwein dabei!

    • Ich bin bei Film-DVDs zweimal zum „Opfer“ des Audiokommentars für Blinde geworden. Erst denkend, dieser Erzählerkommentar aus dem Off ist ja ein eigenartiges, aber doch ganz interessantes Stilmittel, dann: Wieso muss er uns aber auch immer noch beschreiben, was wir sehen. Na ja, manchmal steht man doch mächtig auf der Leitung…

  6. Pingback: Wahre Musikliebhaber sind immer Romantiker. Der Soundtrack zu „Höchstgebot“ « Hoeps & Toes

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