Wahre Musikliebhaber sind immer Romantiker. Der Soundtrack zu „Höchstgebot“

Ohne Musik geht gar nichts. Sage ich. Und sagt vor allem auch Robert Patati, zusammen mit Micky Spijker, erneut ermittelnde Hauptfigur in unserem neuen Roman „Höchstgebot“, zu dem es logischerweise also auch wieder einen Soundtrack gibt. Im Ganzen kaufen kann man den leider nicht, aber es ist ja eh so gedacht, dass das Buch dazu einlädt, die Musikwelt zu erkunden, Altes wiederzuhören und Neues zu entdecken.
Ich bin an dieser Stelle zwar noch den 2. Teil des Soundtracks zu „Nach allen Regeln der Kunst“ und den Soundtrack zum „Lügenarchiv“ schuldig, aber die Aktualität verlangt natürlich, den Soundtrack zu „Höchstgebot“ schon jetzt zu veröffentlichen, verlässt das Buch doch in diesen Tagen die Druckerei.

Es sind diesmal weniger Songs und Bands dabei, aber dafür gibt es einen schönen Dialog zwischen Robert und seiner niederländischen Kollegin Anouk van Berg zum Thema Musik – und der soll hier die Einleitung bilden:

(aus Kap. 16)
Robert fragte Anouk, ob sie etwas gegen Musik bei der Arbeit hätte.
»Solange ich sie aussuchen darf«, antwortete sie.
»Solange Sie Ihre Auswahl aus meinem iPod treffen«, konterte er.
»Mal sehen«, sagte sie und ging zu seiner kleinen transportablen Anlage. Sie scrollte mindestens zweimal die Liste rauf und runter.
»Sagen Sie bloß, Sie finden nichts«, brummte Robert.
Da drückte sie schon die Starttaste und Paul Wellers Stimme setzte ein. Eine gute Wahl, das musste er zugeben.
»Zeig mir deine Musiksammlung und ich sage dir, wer du bist«, philosophierte Anouk, während sie zum Arbeitstisch zurückkehrte.
»Und?«
»Eine gehörige Abteilung Mainstream-Schrott.«
Mainstream-Schrott – wieso verwendete sie Wörter, die ihm gefielen, wo sie ihn doch beleidigen sollten, dachte Robert, während er mit unbewegter Miene die Pause durchstand, die Anouk nach ihrer Attacke eingelegt hatte.
»Und eine Menge guter Sachen. Vieles, das ich noch nicht kenne. Alles in allem: überraschend interessant.«
»Mainstream-Schrott kann ein perfekter Speicher für die sentimentalsten Momente des Lebens sein.«
»Oh, ein Merksatz. Ich stimme zu. Allerdings gibt es Grenzen.«
»Das stimmt. Und wann darf ich Ihre Musiksammlung kritisch untersuchen?«
»Magritte hat einmal gesagt, er fände es zu schwierig, mit Menschen auszukommen, die keine Musik mögen.«
»Ein Bruder im Geiste.«
»Unbedingt«, lachte Anouk van Berg.
»Haben Sie mal Diva gesehen? Den französischen Spielfilm?«, fragte Robert, der sich wider Willen von der Atmosphäre der Unterhaltung mitreißen ließ.
»Wollen Sie Magritte mit einem schnöseligen Jungpostboten vergleichen, der sich heillos in eine Opernsängerin verliebt?«
Robert konnte einen begeisterten Blick nicht unterdrücken. »Niemals. Meine Lieblingsfigur ist der unglaublich schlecht gelaunte Killer. Dieser Typ, der, wenn er überhaupt einmal spricht, nur Sätze sagt wie ›Ich kann Fahrstühle nicht ausstehen‹.«
Anouk lachte schallend. »Der mit dem altertümlichen Knopfohrhörer.«
»Genau. Alle wollen wissen, was der Misanthrop da hört. Und als er erschossen wird, fällt der Ohrhörer heraus und was ist zu hören? Wunderbarste urfranzösische Musette.«
»Sie meinen, es ist manchmal auch schwierig, mit Musikliebhabern auszukommen?«
»Es kann sogar tödlich enden. Weil wahre Musikliebhaber immer Romantiker sind.«

Tja, so ist es wohl. Und sie können einen auch in den Wahnsinn treiben, diese Musikliebhaber. Zumindest dann, wenn sie psychisch eher am Rand balancieren wie Anouk. Nur ein Kapitel weiter fällt Robert also einer musikalischen Gewalttat zum Opfer:

Während sie arbeiteten, stand Anouk fast viertelstündlich auf, um eine neue Musik auszuwählen. Sie wechselte wild die Stilrichtungen, sprang von Pablo Casals Aufnahme der Bachschen Cello-Suiten zu den Revolutionsattacken von Rage against the machine und über einen Ausflug in die melancholiegesättigte Songwelt von Element of Crime zu schärfstem Free Jazz von John Coltrane, sodass Robert allmählich befürchtete, einen nervösen Tick davonzutragen. Anouk dagegen summte ab und zu leise mit und schien ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden zu haben.
Als sie schließlich leise lachend ein frühes Album der Einstürzenden Neubauten anklickte, fühlte sich Robert endgültig überfordert, obwohl es doch sein eigener iPod war, und kündigte kategorisch eine Kaffeepause an.

Was für eine Mischung. Mir wird noch jetzt ganz schwindelig davon. Aber doch sind diese paar Zeilen ein einziges Loblied auf diesen wundervollen Kosmos der Musik, in dem unterschiedlichste formvollendete Sonnensysteme nebeneinander koexistieren können. Jedenfalls bedeutet Anouks Mix einen ganz schönen Sprung für Robert, denn eigentlich hatte es für ihn in „Höchstgebot“ sehr harmonisch und swingend begonnen. In Kapitel 5 fährt er nämlich entspannt von Köln nach Maastricht und natürlich hatte er dafür ein Tape zusammengestellt – so hätte man das jedenfalls früher gesagt, als Musik kurioserweise noch auf verwicklungsanfälligen Magnetbändern in kleinen Kassetten gespeichert wurde. Heute „stellt man eine Wiedergabeliste zusammen“, klingt und ist weniger schön, geht aber leichter. Wie auch immer, der erste Song für eine gelungene Fahrt kann da nur einer des Filmmusik-Großmeisters Lalo Schifrin sein:

Als Auftakt hatte Robert Lalo Schifrins On the way to San Mateo ausgesucht, zu dem einst Steve McQueen in Bullitt durch die Landschaft rauschte. Gut, ein geliehener 89er Renault 5 mit einem halben Jahr Rest-TÜV kam natürlich nicht ganz an einen Ford Mustang heran, aber der Song hatte genau den richtigen Swing für diesen Tag.

„Reisen und Musik“ ist sowieso eine perfekte Kombination. Manchmal muss es gar nicht so sehr in die Ferne gehen. Bei Anouk van Berg reicht es zum Beispiel schon, aus Maastricht heraus vor die Tore der Stadt zum Weingut Apostelhoeve zu fahren. Mit dem richtigen Song in den Ohren wird das zum Abenteuer:

Nur wenig später hatte Robert hinter Anouk auf einer Vespa gehockt, die sie wild und geschickt und zwischendurch aufjauchzend zu Goldfrapps »Ooh La La« auf den Helmkopfhörern durch die Maastrichter Altstadt steuerte. In kürzester Zeit hatten sie die Stadtgrenze erreicht, die Straße verwandelte sich in einen Feldweg und bald darauf bremste Anouk auf dem Hof jenes Weinguts ab, dessen Grauburgunder Robert beim Abendessen mit Micky genossen hatte.

Ich möchte gar nicht wissen, wie Robert nach der Weinprobe auf dem Rücksitz der Vespa heil nach Maastricht zurückgekommen ist. Robert selbst weiß es am nächsten Morgen auch nicht mehr, denn er ist dann später am Abend in der Stadt mit Anouk, die bis dahin brav nüchtern geblieben war, noch in einem Restaurant gelandet, wo er einem Chateauneuf du Pape den Garaus gemacht hat.
An dieser Stelle hätte dann schon jener Song gepasst, den er allerdings erst etwas später in Kapitel 24 via Radio in einem Aachener Café hören darf:

Robert verrührte den Zucker in seinem Milchkaffee und leckte den Löffel ab. Sie saßen in einem Café unweit des Aachener Hauptbahnhofs. Über die Lautsprecher sang Bernd Begemann »Ich lerne täglich dazu und werde trotzdem nicht klug«, und Roberts Fuß wippte entspannt mit.

Bernd Begemann – ganz großartig und übrigens gerade wieder auf Tour! Man muss ihn unbedingt live erleben, aber seine Alben sind natürlich auch und ebenso hervorragend wie die Titel seiner Songs „Ich wollte eigentlich nicht nach Hannover“, „Ich bin noch nicht fertig mit dir“, „Was macht Miss Juni im September“ – das ist große Songtexterkunst.

Die wichtigste Musik für und in „Höchstgebot“ aber kommt von einer Band namens „Get well soon“, d. h. eigentlich steckt mit Konstantin Gropper ein einzelner Kopf dahinter, der sich zur Verwirklichung seiner Ideen die richtigen Leute geholt hat. Im Dezember 2010 habe ich sie auf einem denkwürdigen Konzert im Düsseldorfer ZAKK erlebt, da war klar, die müssen via Roberts iPod in das neue Buch. Und dort, also auf dem iPod, findet Anouk sie dann auch (in Kapitel 22):

»Get Well Soon, ist das therapeutische Musik?«, fragte sie.
»Musik ist immer Therapie, oder? Das ist eine deutsche Band. Opulenz- und Pathos-Pop, könnte dir gefallen. Klick mal Werner Herzog gets shot an.«
»Und wer ist Werner Herzog?«
»Ein deutscher Regisseur. Hat viel mit Klaus Kinski gedreht. Der Titel bezieht sich darauf, dass Herzog mal in Los Angeles ein Interview gegeben hat, dabei von einem Sniper mit einem Luftgewehr angeschossen wurde und das Interview an anderem Ort ungerührt mit einer Kugel im Unterleib fortsetzte.«
»›Die einfachste surrealistische Tat besteht darin‹«, zitierte Anouk plötzlich und legte eine spannungssteigernde Kunstpause ein.
Robert schalt sich insgeheim einen dummen Streber, aber er konnte nicht anders, als Anouks Satz zu vollenden.
»… ›besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, so lange man kann, in die Menge zu schießen.‹ Ich fand den Spruch immer dumm, angeberisch und gefährlich.«
»Du musst Breton schon vollständig zitieren!« Anouk richtete einen Heizspachtel auf Robert und markierte mit ihm wie mit einem Taktstock den Rhythmus der berühmten Stelle aus dem Zweiten Manifest des Surrealismus.

Da tauchen sie zum ersten Mal auf. Ihren zweiten Auftritt haben sie später mit dem Song »We are ghosts«. Aber darüber kann ich jetzt hier gar nichts sagen, außer, dass dieses Stück der Soundtrack zum Showdown des Romans ist, und dass mir beim Schreiben dieser Szene selbst die Tränen in die Augen gestiegen sind. Aber wie hat Robert ja schon gesagt? Wahre Musikliebhaber sind eben immer Romantiker.

P.S. Ach ja, übrigens tauchen auch Heino und Freddy in diesem Roman auf, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Denn damit hat sich mein niederländischer Freund und Mitautor Jac. einen großen Spaß gegönnt. Nachzulesen ab dem 13. März in „Höchstgebot“.

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3 Gedanken zu „Wahre Musikliebhaber sind immer Romantiker. Der Soundtrack zu „Höchstgebot“

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