Criminale-Rückschau Teil 2: Herzblut und Urheberrecht

Teil 2 meiner kleinen Criminale-Rückschau beginnt:
C. Kollegen reißen sich das Herz raus für “Ja – zum Urheberrecht”

D. Eine Liste der gepriesenen bzw. zu preisenden Krimi-KollegInnen
E. Ein paar fotografische Olsberg-Impressionen

Also C. Die öffentliche Debatte über das Urheberrecht, die die Piraten mittlerweile bis in die Positionierung der anderen Parteien hinein bestimmt haben, muss hier nicht im einzelnen nacherzählt werden. Bedauerlich, nein ärgerlich ist, dass die Totalität der Forderungen der Free-Content-Gruppen überhaupt keine vernünftige Diskussion mehr über mögliche sinnvolle Anpassungen des Urheberrechts mehr zulässt (Ich finde auch, dass es da einige wichtige Punkte gibt). Augenblicklich aber geht es ums Ganze. Und was dabei seitens der Free-Content-Gruppen und der Piraten an Ressentiments und Terror an die Oberfläche des Meinungsmorastes blubbert, kann einen demokratisch denkenden Menschen nur zutiefst erschrecken.

(c) Syndikat / Armin Zedler

Was das mit der Criminale 2012 zu tun hat? Am zweiten Tag der Criminale hat das Syndikat, die Vereinigung von 750 deutschsprachigen KrimiautorInnen, eine Pressekonferenz gegeben und nach bereits einigen Pro-Urheberrechtsaktionen eine neue Plakatkampagne vorgestellt. „Hemd ab for your rights“  war ein Foto-Shooting in der Rechtsmedizin Köln unter der Leitung des SYNDIKATS und des Autors Andreas Izquierdo gemeinsam mit dem Kölner Fotografen Armin Zedler unter dem Motto: Acht Krimischriftsteller ziehen blank – für die Rechte von Autorinnen und Autoren. Auf dieser Internetseite gibt’s mehr zur Aktion zu lesen und zu sehen.
Von mir aus mag man streiten, ob die Bildaussagen zu polemisch oder inhaltlich 100%ig schlüssig sind – ich teile auch die Auffassung des Kollegen Oliver Bottini, der die Verwendung der die Anonymous-Bewegung charakterisierenden Guy-Fawkes-Maske als Fehler erkannt hat. Abgesehen davon finde ich die Bildaussage der drei Plakate aber großartig, uns KrimischriftellerInnen angemessen, und in aller Schärfe das Problem auf den Punkt bringend. Eine Stellungnahme in einer Debatte. Von der Gegenseite sicher als ungerecht wahrgenommen, aber mit offenem Visier und demokratischen Mitteln vorgebracht.

Was aber dann geschah: Binnen weniger Stunden wurden die Daten der beteiligten AutorInnen auf einschlägigen Netzwerker-Seiten durchgespielt und alle Autorenwebseiten sowie die Criminale- und die Syndikatsseite mit Mailbombing aus dem Web geschossen. Bis zu 20.000 Hassmails legten die Seiten lahm und machten uns mundtot. Die Begründung: Man müsse sich gegen die wehren, die die Bürgerrechte einschränken. Also Bürgerrecht: Ich darf alles kostenlos abgreifen, was andere geschaffen haben. Kein Bürgerrecht: Für seine Arbeit Lohn zu erhalten. Kein Bürgerrecht: Über das, was man geschaffen hat, frei zu bestimmen.

Nein, nein, meint da Promi-Piratin Julia Schramm, stellvertretend für viele Piraten. Das betrifft ja nur die ganzen Künstleridioten. Denn die schöpfen ja nur frech aus dem kollektiven Wissen der Menschheit. Das kann man dann nicht als schützenswerte Arbeit bezeichnen. Alles Kopisten. Ganz anders sei das übrigens bei Computer-Programmen, da kann man immer gleich erkennen, was neu ist. (Mehr dazu im Artikel von Christoph Keese) Die Content-Produzenten sieht sie im Würgegriff der Verwerter und Großkonzerne (was sie nicht hindert vom Ullstein-Verlag 100.000 Euro Vorschuss für ein Buch von ihr abzukassieren – wenn ihr Buch geklaut würde, fände sie das dann nicht schön, aber sie kann da leider nicht viel machen, denn sie will nicht, „dass Raubkopierer wie Raubmörder behandelt werden“ – da hat sie natürlich recht – man denke an all die lebenslänglich im Knast sitzenden privaten Raubkopierer). Eins noch: „Ekelhaft“ findet die Frau Schramm den Begriff des geistigen Eigentums. Einen Begriff, der auf Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte basiert.

Und da sind wir mitten im antidemokratischen Denken dieser Leute angelangt:

  • Sie scheißen auf einen Menschenrechtsparagraphen, weil er ihnen nicht in den Kram passt.
  • Sie üben Gewalt gegenüber Andersdenkenden aus und versuchen ihnen das Maul zu stopfen, indem sie sich mit ihren Mailbombing-Programmen vor die Türen der virtuellen Häuser ihrer Gegner stellen: Lest nicht bei diesen Leuten!
  • Sie wollen im Hinblick auf urheberrechtlich geschützte Arbeit das Internet als rechtsfreien Raum definieren, in dem der Stärkere (in dem Falle der, der die Technik am besten beherrscht, bzw. der, der sich unter dem Deckmantel der Anonymität herumtreibt) seine Regeln frei durchsetzen kann.
  • Sie bauen Feindbilder auf, die strukturell denen der Nazipropaganda ähneln: „Was auf dem Spiel steht, sind nicht die Köpfe von Künstlern. Eher schon sind es vielleicht die Geldbeutel und Meinungsmacht der Verwerter“, sagt Frau Schramm. Man lese die antikapitalistische Propaganda der frühen Nazis gegen Großkonzerne (von denen sich Hitler gleichzeitig bezahlen ließ). Die Blutsauger und Pfründebewahrer, das Netz ist voll von solchen Bildern, die an der Realität der Verlags- und Labelstruktur völlig vorbeigehen und  sich spannenderweise nicht auf die mit dem freecontent Kohle machenden Googles und youtubes & Co beziehen.
  • Und sie schließen im angeblichen Kampf für die Bürgerrechte ihre Gegner davon aus. Gelten die Bürgerrechte aber nicht für diese, können die logischerweise nicht mehr als Bürger gelten. Auch eine Art, sich einen Volkskörper zu konstruieren…

Damit wir uns nicht falsch verstehen und der wichtige Kern der Überlegung in heiliger Empörung verlorengeht:

Hier steht nirgendwo: Die Piraten seien Nazis und die Künstler würden von ihnen verfolgt wie damals Juden und Andersdenkende. Ich glaube auch nicht, dass die Handvoll Holocaust-Leugner in den Reihen der Piraten eine Grundlinie der Partei dokumentiert. Um die werden sich die Piraten letztlich schon kümmern.

Aber: Das, was wir in der letzten Zeit in dieser Debatte erfahren, zeigt eindeutig faschistoide Tendenzen auf, die sich hinter einem radikalindividuellen totalen Freiheitsbegriff verbergen. Und das von einer Partei, die mit dem wünschenswerten Ziel angetreten ist, basisdemokratische Methoden mit Hilfe des Internets zu entwickeln. Aber augenblicklich kann man nur noch hoffen, dass die Piraten in ihren untereinander tobenden Shitstürmen kentern.

Und jetzt habe ich mich so geärgert, dass ich hier aufhöre und meine wieder amüsanteren Rückschaupunkte auf die Criminale D. und E. demnächst in einem abschließenden dritten Teil nachliefere.

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3 Gedanken zu „Criminale-Rückschau Teil 2: Herzblut und Urheberrecht

  1. Also, Anonymous steht stellvertretend für jeden anonymen Sauger aus dem Netz. Und da Anonymous ebenso wie die Piraten jeden Widerspruch mit Sabotage und Shitstorm-Terror beantwortet, trifft es nicht die Falschen. Sie, die selbsternannten Hüter der Freiheit, setzen ihren Willen mit Gewalt durch. Und es ist ihn völlig gleichgültig, ob sie jemanden damit schaden. So wie es ihnen völlig gleichgültig ist, was mit Menschen passiert, die sich ihren Idealen in den Weg stellen. Das nennt man im Großen und Ganzen: totalitär.DAS ist ihr Haltung. Darum empfinde ich es nicht als Fehler, sie stellvertretend darzustellen.

    Ja, hier und da tun sie Gutes. Sie greifen Diktaturen an und Mafia-Organisationen. Aber sie greifen auch die Gema an, das Syndikat, Privatpersonen, die deutsche Justiz, jeden, der ihnen nicht passt
    . Sie, die Enthüller, haben Geheimnisse, die sie anderen nicht zu gestehen. Junge Leute, besoffen von ihren Möglichkeiten, die sich das Recht nehmen, anderen zu diktieren, wie die die Welt zu sehen haben. Das ist mehr als totalitär, das ist schon faschistoid. Also, was soll ich von einem Geheimbund halten, der sich nicht an demokratische Grundregeln gebunden fühlt? Auch wenn er – hier und da – scheinbar Gutes tut. Aber tut er das wirklich? Oder tut er nur Dinge, die seinem Ego schmeicheln?

  2. Ohlàlà… gestern habe ich im neuen SPIEGEL mehr Details über die Criminale und den folgenden Shitstorm gelesen.

    Das ist ja allerallerunterste Schublade !

    • Sie haben dann ja gleich noch eine Nachfolgeaktion angeleiert und die Daten der Teilnehmer an der letzten Unterschriftenaktion verbreitet. Irgendwer muss ihnen dann allerdings in letzter Sekunde noch etwas Hirn in den Schädel gepustet haben und die Threads auf den einschlägigen Seiten wurden gelöscht.

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